Filme und Serien sind nicht nur Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern wirken aktiv an ihrer Gestaltung mit.
Erzählungen und Darstellungen von sexualisierter Gewalt sind fester Bestandteil unserer Film- und Serienwelt. Was wie ein überfälliger und gut gemeinter Tabubruch wirken mag, ist allerdings in den meisten Fällen Teil des Problems. Gut gemeint ist insbesondere beim Thema sexualisierter Gewalt leider nicht zwingend auch gut gemacht.
Seit über zehn Jahren beschäftige ich mich intensiv mit der Darstellung sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt. Ausgangspunkt war die Beobachtung der Omnipräsenz dieser Themen während meiner Zeit in der Nominierungskommission des Grimme Preises: Kaum eine Fernsehproduktion kam ohne Bilder von Gewalt an Frauen aus. Dabei handelte es sich vor allem um Darstellungen mit klarer dramaturgischer Zweckmäßigkeit auf Schock und Eskalation, also körperliche Gewalt von Männern gegenüber Frauen und Vergewaltigungsszenarien unter Anwendung körperlicher Gewalt, häufig auch mit Todesfolge.
Im Folgenden werde ich mich vor allem auf Darstellungen sexualisierter Gewalt beziehen. Die meisten meiner Argumente und Ausführungen sind allerdings auch auf geschlechtsspezifische Gewalt anwendbar.
Problematisch erschien mir schon damals in der Grimme Kommission die Normalisierung, die mit der wiederholten Darstellung bestimmter gewaltvoller Handlungen einhergeht. Auch wenn Filme und Serien sexualisierte Gewalt nicht befürworten, wirkt sie durch ihre Omnipräsenz als „normaler“ Bestandteil der Realität.
Nein. Sexualisierte Gewalt ist menschengemacht und untrennbar verknüpft mit dem gesellschaftlichen Machtgefälle, das wiederum menschengemacht ist. Sexualisierte Gewalt ist nicht Sex, kein konsensuelles Aufeinandertreffen gleichberechtigter Personen, sondern Gewalt mit sexuellen Mitteln, eine Machtdemonstration, bei der eine Person eine andere erniedrigt, entmündigt und dem eigenen Willen unterwirft – häufig, aber nicht immer, unter Verletzung der körperlichen Integrität. Der im Kontext der #MeToo-Debatte vermehrt verwendete Begriff „Machtmissbrauch“ markiert dies: Täter:innen nutzen ein bereits bestehendes Machtgefälle aus und konsolidieren es gleichzeitig mit dem Ausüben sexualisierter Gewalt.
Macht ist in unserer Gesellschaft entlang von Merkmalen wie sexueller und geschlechtlicher Identität, ethnischer Herkunft, körperlichen und geistigen Fähigkeiten verteilt. Je weniger Macht Menschen in unserer Gesellschaft besitzen, desto wahrscheinlicher erleben sie in ihrem Leben sexualisierte Gewalt. Dabei kommen intersektionale Aspekte zum Tragen, also die Verschränkung verschiedener Merkmale: Besonders betroffen sind zum Beispiel Frauen mit Behinderung und Frauen of Color. Sexualisierte Gewalt tritt besonders häufig dort auf, wo Macht besonders ungleich und klar verteilt ist, wie in religiösen Institutionen, Heimen oder auch in stark hierarchisch strukturierten Arbeitsumfeldern wie in der Filmindustrie.
Ist es dann nicht umso wichtiger sexualisierte Gewalt in Filmen und Serien zu veranschaulichen?
Jein. Das Erzählen von sexualisierter Gewalt hat für sich genommen noch keinen korrigierenden Effekt auf gesellschaftliche Verhältnisse. Zwei Aspekte müssen hierbei besonders betrachtet werden: Welche Narrative über sexualisierte Gewalt vermittelt das Werk – bewusst oder unbewusst? Und welche Formen sexualisierter Gewalt sind klar als solche erkennbar?
Beim ersten genannten Aspekt geht es um das Phänomen der Rape Culture. Damit ist ein kulturelles Klima gemeint, das sexualisierte Gewalt begünstigt bzw. bagatellisiert. Dies geschieht unter anderem durch sogenannte „Rape-Culture-Mythen“, oder auch Vergewaltigungsmythen, also Narrative, die ein ganz bestimmtes Bild davon vermitteln, was sexualisierte Gewalt ist, wer sie ausübt, wer davon betroffen ist und wie diese Betroffenen mit dem Erlebnis umgehen. Ich möchte hier nur einige Beispiele nennen und verweise für einen tieferen Einstieg in die Thematik auf das Buch „Jede_ Frau“ von Agota Lavoyer. Besonders wirksam in unserer Gesellschaft – wie auch in filmischen Erzählungen – sind unter anderem drei Vergewaltigungsmythen: Falschaussage, Schuldumkehr und Veranderung (Othering).
Bei der Falschaussage handelt es sich um die sich hartnäckig haltende Überzeugung, dass Menschen, die von sexualisierter Gewalt berichten, in der Regel lügen. Dies widerspricht den zahlreichen wissenschaftlichen Studien zu der Thematik. Vielmehr zeigen diese, dass Fälle sexualisierter Gewalt nur zu einem sehr kleinen Prozentsatz zur Anzeige kommen und auch im sozialen Nahfeld häufig verschwiegen werden. Das Fortschreiben des Mythos der Falschaussage durch entsprechende Handlungsstränge in Filmen und Serien hat reale Folgen für Betroffene, deren Aussagen von Polizei, Gerichtswesen und oft auch nahestehenden Personen mehrheitlich angezweifelt werden und die somit nach der ursprünglichen Gewalterfahrung weiter Demütigung und Entmündigung erleben. Nicht zuletzt führt dieser Mythos auch dazu, dass die Mehrzahl der Täter:innen keine Konsequenzen erfährt und weiter Gewalt ausüben kann.
Bei der Schuldumkehr liegt der Fokus auf den Handlungen der Betroffenen statt den Täter:innen. Damit verbunden sind Fragen danach, wie sich die Betroffenen verhalten haben, welche Kleidung sie trugen oder ob sie betrunken waren. Dahinter steckt die Annahme, die an ihnen ausgeübte Gewalt mitverschuldet zu haben. Aber fest steht: Schuld an einer Gewalttat trägt die Person, die diese Gewalt ausübt. Der Mythos der Schuldumkehr entlässt Täter:innen aus der Verantwortung und erschwert deren juristische Verurteilung. Filme und Serien können diesen Vergewaltigungsmythos zum Beispiel nähren, indem sie betroffene Figuren als „provokant“ inszenieren oder den Machtmissbrauch als Triebfeder für die sexualisierte Gewalt auf Seiten der Täter:innen verschleiern.
Insbesondere im aktuellen gesellschaftspolitischen Klima ist Veranderung ein Mythos von großer Tragweite. Hierbei geht es um das – meist rassistische – Zuschreiben von potenzieller Täterschaft. Die Idee dahinter: Sexualisierte Gewalt ist das, was andere, von mir verschiedene Menschen tun. Ein Paradebeispiel hierfür ist die Aneignung der Ereignisse auf der Kölner Domplatte 2015 durch rechtspopulistische Akteur:innen. Veranderung kann aber auch bedeuten, sexualisierte Gewalt zu pathologisieren und psychisch kranken Menschen zuzuschreiben. Fest steht: Sexualisierte Gewalt kommt in allen Gesellschaftsschichten und -gruppen vor.
Beim zweiten Aspekt geht es um die konkrete Inszenierung sexualisierter Gewalt. Wie oben bereits erläutert umfasst der Begriff alle Handlungen, die Menschen mit sexuellen Mitteln demütigen und/oder verletzen. Dazu gehört ein breites Spektrum sehr alltäglicher Phänomene wie sexistische Witze oder Catcalling, unerwünschte Berührungen oder das ungefragte Zusenden von Nacktbildern („Dickpics“). Vergewaltigung ist nur eine von vielen Formen sexualisierter Gewalt, aber meist die einzige, die wir in Film und Fernsehen erleben. Damit wird die Alltäglichkeit sexualisierter Gewalt unsichtbar, der Fokus verschiebt sich auf die extremsten und zahlenmäßig selteneren, wenn auch absolut gesehen nach wie vor erschreckend weit verbreiteten Formen. Darüber hinaus erscheinen diese meist entkoppelt von all jenen Ausprägungen sexualisierter Gewalt, die ihnen den Weg bereiten, und somit vom gesellschaftlichen Klima, der Rape Culture, die sie überhaupt erst ermöglicht.
Mein Arbeits-Credo lautet: Erzählen Sie nicht „Rape“, erzählen Sie „Rape Culture“. Damit möchte ich der filmischen Inszenierung von beispielsweise Vergewaltigungen nicht grundsätzlich eine Absage erteilen, sondern vielmehr auf ihre Unvollständigkeit verweisen und kreative Potenziale eröffnen. Da sexualisierte Gewalt, in welcher Form auch immer, wie oben ausgeführt nie ein isoliertes Ereignis ist, sollte sie auch nicht als solches erzählt, sondern immer in einen größeren gesellschaftlichen Kontext eingebettet werden. Dazu gehört, auch Machtstrukturen und alltägliche Formen sexualisierter Gewalt zu beleuchten, bewusst auf Vergewaltigungsmythen zu verzichten, Diskriminierungsstrukturen offenzulegen statt fortzuschreiben und sexistische Narrative sowie objektifizierende Blickperspektiven zu vermeiden. Es geht also nicht nur um das Drehbuch, sondern auch um andere Gewerke wie Szenographie oder Montage. Das Ziel eines verantwortungsvollen Erzählens von sexualisierter Gewalt ist niemals die Entwicklung einer Figur (Person XY handelt so, weil sie Gewalt erlebt hat) oder die Schaulust des Publikums, sondern immer die Kritik an der Gesellschaft und Machtstruktur, die sie ermöglichen. Diese wird unter anderem möglich durch die Veranschaulichung von Alltagssexismus und sexueller Belästigung im öffentlichen Raum, komplexe Charakterzeichnung von Betroffenen und Tatpersonen und den reflektierten Umgang mit Betroffenen- oder Täter:innenperspektiven in Skript und Kameraführung.
Das Thema sexualisierte Gewalt ist komplex, weshalb dieser Text nur als erste Annäherung verstanden werden darf. Für verantwortliche Filmschaffende bedeutet das, sich intensiv durch Lektüre und Dialoge mit Betroffenen in die Materie einzuarbeiten und kritisch die eigene Verstrickung in Rape Culture und -Mythen zu reflektieren. Dies gilt insbesondere für Menschen in machtvollen und privilegierten Positionen innerhalb der Branche und unserer Gesellschaft. Aufgrund der Komplexität des Themas sowie der zwangsläufigen Involviertheit – wir sind als Betroffene, Zeug:innen und/oder Täter:innen alle Teil der Rape Culture – erfordert ein verantwortliches Arbeiten mit Erzählungen zu sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt die Zusammenarbeit mit fachlich qualifizierten Berater:innen.